Wo ist Johnny?

Wer ist denn Johnny überhaupt? In meinem Versuch, meine Anfänge in der Welt der Typografie zu rekonstruieren, stolperte ich zwangsläufig über Erinnerungen an die Gestaltungsmöglichkeiten der 80er Jahre. Während Desktop-Publishing die Grafikwelt langsam zu erobern begann, lernten wir noch, Designentwürfe weitgehend »analog« auszuführen. Eine Tugend für den Fall, dass eines Tages der Strom ausbleibt? Undenkbar.

Das war vielleicht eine Labertasche. Kaum entdeckte er die Freiheit, machte er sich sofort aus dem Staub. Tagelang bastelte ich für ihn und seine Lebenskonsortin einen ordentlichen Parcours in unserer alten Wohnung mit Schrägdach, damit beide sich ein wenig austoben konnten. Habe mich dafür eingesetzt, dass sie auch die Wohnung verlassen dürfen. Mit Erfolg. Und plötzlich war Johnny weg.

Von schlechtem Gewissen geplagt machte ich mich an meine erste Auftragsarbeit, endlich mal eine sinnvolle Botschaft zu gestalten. Schmiss den neuen 486er an, wartete, bis er sich hochgerattert hatte, mein ganzer Stolz. Ein 486er, satte acht Megabyte Arbeitsspeicher und um die 200 Megabyte Festplatte. Rattattatt.

Während Corel Draw startete, musste ich schmunzeln und dachte an die guten »alten Zeiten« zurück. Es waren kaum ein paar Monate vergangen, seit ich im Grafikdesign-Studium in Tel Aviv Plakatentwürfe händisch anfertigte. Die Größe einer Illustration musste an das Layout angepasst werden, für teures Geld auf einem Kopierer verkleinert oder vergrößert. Wehe, es sollte Farbe sein. Ganz zum Schluss kam die Headline dazu. Vielleicht noch ein, zwei Textzeilen darunter. Beileibe war das eine Arbeit.

Aus einem zwei Kilo fetten Schinken suchte ich zunächst die passende Schrift heraus. Nach Schriftarten und alphabetisch sortiert, bewunderte ich als leidenschaftlich angehender Grafiker, aber Neuling in Sachen Typografie, auf jeder Seite die abgebildeten Schriften und bemühte mich, mir die Namen zu merken. »Futura Bold« oder »Aharoni« als hebräische serifenlose Variante, vielversprechende Namen, die nach Zukunft klangen. War die Wahl auf die gewünschte Schrift gefallen, folgte der Weg zum speziellen Grafikbedarf-Laden, wo man »Letraset«-Blätter kaufte. Teuer und heilig: große transparente Bögen mit Buchstaben der ausgewählten Schriftart in der gewünschten Schriftgröße.

Zurück am Reißbrett rubbelte ich Buchstabe für Buchstabe vom Träger ab. Wort für Wort und Zeile für Zeile entstanden auf dem Papier, während die Letraset-Bögen immer mehr Lücken verzeichneten. Ein delikates Unterfangen, das Zeit, Geduld und Konzentration raubte. Jeder Fehler wurde teuer bestraft, die Folge war meistens ein Neuanfang.

Mit einem Gepiepe meldete sich Corel Draw endlich zu Wort und erklärte sich bereit, mit mir die Vermisstenanzeige für Johnny zu gestalten. Ich freute mich über die Vielfalt der installierten Schriften, auch wenn viele davon vielleicht nie zum Einsatz kommen würden und die Leistung meines 486ers in die Knie zwangen. Die Faszination lag darin, Schriften auszuprobieren und sofort auf dem Monitor beurteilen zu können, ob sie passten oder nicht. Schwarz auf Weiß ausdrucken, verändern, noch einmal ausprobieren. Plötzlich war so vieles möglich.

Der Weg zum Kopierer blieb mir jedoch noch nicht erspart: Bilder einzuscannen war damals noch eine Sache für den Fachbetrieb und musste aufwendig von Fachpersonal durchgeführt werden. Für die Gestaltung eines Plakats zur Suche nach unserem großmauligen, vermissten Kater war mir ein Scan damals noch zu viel.

Stolz plakatierte ich die Nachbarschaft mit meinem ersten selbständigen Werk. So eine Labertasche musste doch auffallen. Jemand musste den Kater doch gesehen haben. Nach einer Woche kehrte Johnny zurück nach Hause, ausgemagert und ausgehungert, aber noch immer mit einer großen Klappe.

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