Wie Schrift die Identität prägt.
Brauchen wir neue Schriften? Diese Frage wird mir häufig gestellt, wenn meine Rolle als Schriftgestalter zur Sprache kommt. Die Frage ist und bleibt relevant, wenn auch die Antwort darauf gar nicht so einfach zu geben ist. Es gibt doch schließlich so viele Schriften auf dieser Welt.
Jedes Mal, wenn ich eine Schrift entwickelt habe, es ist schon eine Weile her, tat ich es aus einer Notwendigkeit und aus einem guten Grund. Ohnehin: Wenn ich eine passende Schrift für einen bestimmten Zweck suche, finde ich sie auf Anhieb nicht. Ein bestimmter Buchstabe verdirbt mir die Laune: Q, G, R und K sind meist die Kandidaten dafür. Als Grafiker und Typograf habe ich viele Schriften unter die Lupe genommen. Es kam mir fast wie eine Pflicht vor, jede davon mindestens einmal irgendwo einzusetzen. Im Laufe der Jahre habe ich meine Lieblingsstücke gefunden. Also greife ich meist auf sie zurück. Liebgewonnene Schriften sind ein wenig wie Vorurteile: Ich muss nicht immer über alles neu nachdenken. Eine Art Denk-Shortcut, sozusagen.
Warum sind Schriften so wichtig?
In der Kommunikationsgestaltung sind sie ein fester Bestandteil der Entwürfe und spielen eine prägende Rolle. Als Teil der Gestaltung fließen sie in eine Broschüre, eine Webseite und schließlich in die daraus entstehende Identität.
Nüchtern betrachtet liefern Alphabete die Grundlage für eine systemische »Kodierung« unserer Gedanken. Für das, was uns Menschen ausmacht und uns ein Bewusstsein attestiert. Wir »kodieren« Gedanken in Worte, damit auch andere Menschen sie verstehen können. In einem Atemzug können wir Worte aneinanderreihen und aussprechen. Die Luft, aus der wir diese Worte formen, können wir wieder einatmen, aber die Worte nicht. Raus ist raus, gesagt ist gesagt.
Wie verbindlich ist das Gesagte?
Welche Verantwortung steckt dahinter? Liebeserklärungen und Heiratsanträge zum Beispiel müssen irgendwann in Urkunden münden, soll die daraus entstehende Verbindung zwischen zwei Menschen auch rechtlich gelten. Entscheidungen, Absprachen, Eigentum, Verpflichtungen: Dafür reicht das gesprochene Wort nicht mehr. Das wird schriftlich festgehalten.
Das Bedürfnis, Erlebtes und Beobachtetes bildlich festzuhalten, ist uralt. Schon in der Höhle kritzelte Homo sapiens in der Altsteinzeit auf die Wand, was ihm offenbar wichtig genug war, festgehalten zu werden. Später wurden daraus Zeichensysteme, Schriften und Alphabete. In der griechischen Antike übertrugen Schreiber Wissen mühsam von Hand in Bibliotheken. Ein Mensch, der selbst nicht schreiben konnte, bestätigte seine Verbindlichkeit mit seinem Fingerabdruck.
Was macht die Technik mit unserer Schrift?
In Ostasien wurden religiöse Schriften lange vor Gutenberg (um 1400–1468) in Holzplatten geschnitten, um damit reproduziert zu werden. Mit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts ließ sich das Wissen plötzlich in großen Mengen vervielfältigen. Es wurden mehr Bücher gedruckt, als irgendein Mensch jemals hätte lesen können.
Mittlerweile nutzen wir unseren Fingerabdruck wieder, diesmal um hochkomplexe und höchst persönliche Systeme zu schützen. Die Tastatur, die mit jedem Tastendruck Zeichen für Zeichen Texte auf dem Bildschirm entstehen lässt, erkennt das Muster auf unserer Fingerkuppe, die Kamera des Handys unsere Gesichtszüge. Unsere biometrischen Daten bestätigen unsere Authentizität und legitimieren uns zu handeln. Die Tasten benutze ich inzwischen häufiger zum Prompten. Und mit jedem Prompt löse ich eine Kaskade von Worten aus, mit der eine KI in wenigen Sekunden den Chatverlauf zumüllt.
Wo bleibt die Handschrift?
Sie ist vermutlich eines der persönlichsten Merkmale, die wir besitzen. Ihre individuellen Eigenschaften lassen sich untersuchen und vergleichen. Schreibbewegung, Rhythmus, Druck, Form und Verbindung der Zeichen haben biometrische Relevanz. Mit der Graphologie, dem Versuch, aus der Handschrift Rückschlüsse auf Charakter und Persönlichkeit zu ziehen, steigt die Faszination der Handschrift. Die Vorstellung, dass sich ein Mensch in der Art, wie er seinen Namen schreibt, möglicherweise selbst ein wenig verrät, macht seine Handschrift schließlich selbst zum Mittel der Inszenierung.
Bloß erwachsene Menschen benutzen ihre eigene Handschrift immer weniger. Einkaufszettel oder ein Herz-Emoji auf dem Frühstückstisch? Das war’s. Auf einer Weihnachtskarte, irgendwo in einer Ecke, füge ich noch eine handgeschriebene Zeile oder wenigstens eine Unterschrift hinzu. Ansonsten bleibt die Handschrift dort erhalten, wo sie wirklich wichtig wird: auf Verträgen, Urkunden, Vollmachten. Im Job, beim Mietvertrag, bei der Eheschließung. Dort, wo persönliche Verantwortung gefragt ist, wo sie Geltung hat.
Eines Tages werde ich den Einsatz der Handschrift vermissen und mich nach ihrer »Renaissance« sehnen. Derweil wird die Handschrift damit beinahe zu etwas Paradoxem: Je weniger ich sie im Alltag einsetze, desto gewichtiger wird sie dort, wo ich sie noch benötige. Und gleichzeitig existieren weltweit Hunderttausende gestaltete Schriften. Für unterschiedliche Sprachen, Kulturen, technische Systeme, Anwendungen und Zwecke. Die Zeichen selbst haben sich dabei vergleichsweise wenig verändert. Es muss also an etwas anderem liegen, dass trotzdem immer wieder neue Schriften gebraucht werden. Bis bald.