Aus der Not geboren: Weitspringer Rudolf Dobermann entwickelt das prägende »M«, 1928.
Die Quelle des Zeichens
Tennis 1948: Zwei Freundinnen, ein Finale, ein Auftritt mit Extraklasse.
Ein Moment aus einer anderen Zeit

Aus dem Archiv befreit

Wenn die Vereinsgeschichte eines Jahrhunderts zum Erlebnis wird.
Eine heilige Aufgabe

Monatelang forschte ich gemeinsam mit Tillmann Becker-Wahl im Vereinsarchiv des MSC. Hier begann die Arbeit an der Chronik: die Rekonstruktion der Clubgeschichte – von den Anfängen als Fußball- und Leichtathletikverein über die Erfolge der 1920er-Jahre bis zu den Umbrüchen, die den Verein prägten.

Historische Elemente aus dieser verdichteten Erzählung bestimmten den gestalterischen Rahmen des Jubiläums und sollten das feierliche Ambiente im MSC prägen. Eigentlich.

2019
100 JAHRE MSC
Jubiläumsauftritt
Ausgabe
Hardcover-Buch /// A4 · 360 Seiten
Kunde
Marienburger Sport-Club 1920 e.V.
Branche
Sportverein
Webseite
Leistungen

Editorial & Communication Design:
Recherche · Text · Redaktion · Gestaltungskonzept · Design · Realisierung

Jubiläumsauftritt:
Logoentwicklung · Visuelles Konzept · Räumliche Inszenierung

Ein Blick in die Chronik
2020 /// Pünktlich zum Jubiläum

100 Jahre Vereinsgeschichte auf 360 Seiten – in Bildern, Grafiken und Texten entlang der Zeitachse verdichtet.

Zahlen ohne Maßstab

Der Anfang.

Wie so oft begann alles mit Verhandlungen. Mit Zahlen. Mit Unsicherheit. Mit Erklärungen und Diskussionen darüber, was eine Chronik bedeutet und welche Aufgaben damit verbunden sind. Im Alltag eines Amateurvereins existiert selten ein belastbares Verständnis für Marketing- oder Kommunikationsbudgets. Die Dimension einer 100-jährigen Vereinschronik ließ sich kaum greifen. Jeder Versuch, den tatsächlichen Aufwand zu beziffern, wirkte zunächst überzogen – fast absurd.

Zeit verging. Diskussionen wiederholten sich. Entscheidungen wurden vertagt. Als schließlich ein Budget verabschiedet wurde, war das eigentliche Projekt längst unter Zeitdruck geraten. Wie so oft blieben wenige Monate für eine Aufgabe, die eigentlich Jahre verdient hätte.

Ein klassischer Zielkonflikt. Und eine Herausforderung, der man sich nun schleunigst stellen musste, wollte man das Ziel noch erreichen.

Stimmungen im Detail
Historie im Detail

Typografie, Rhythmus und Komposition: zu einem kohärenten Narrativ gefügt.

Historie als Herausforderung

Aufgaben

Konzeption des Jubiläumsauftritts

Entwicklung eines übergreifenden Gestaltungskonzepts für das 100-jährige Vereinsjubiläum, von der visuellen Identität bis zur Inszenierung der Vereinsgeschichte in den Clubräumen.

Entwicklung des Jubiläumslogos und der visuellen Identität

Gestaltung eines eigenständigen Jubiläumslogos mit typografischen Besonderheiten und Übertragung auf die Chronik sowie die begleitenden Kommunikationsmittel.

Historische Recherche und Erschließung der Vereinsarchive

Sichtung und Auswertung historischer Dokumente, Vereinsmagazine, Fotografien und Zeitzeugenberichte. Digitalisierung und Erfassung von 1.865 Seiten Archivmaterial sowie Kategorisierung von 1.140 historischen Fotografien.

Aufbau einer historischen Datenbank

Systematische Erfassung und Zuordnung von Ereignissen, Personen, Dokumenten und Bildmaterial. Entwicklung einer nach Zeiträumen, Themen und weiteren Kriterien durchsuchbaren Arbeitsgrundlage.

Redaktionelle Konzeption und Aufbereitung der Chronik

Gliederung eines Jahrhunderts Vereinsgeschichte nach Präsidenten-Epochen. Auswahl, Bewertung und Einordnung historischer Ereignisse, Entwicklung der Erzählstruktur sowie Recherche und Verfassen von Texten, Überschriften und Bildlegenden.

Gestaltung und Produktion der 360-seitigen Chronik

Entwicklung eines Gestaltungsrasters und Umsetzung des redaktionellen Konzepts in eine zusammenhängende Buchpublikation. Bildbearbeitung, Typografie, Layout, Druckvorbereitung und -betreuung.

Räumliche Inszenierung der Vereinsgeschichte

Konzeption und Gestaltung großformatiger historischer Bildinstallationen in den Vereinsräumen und Sportstätten. Einbindung historischer Persönlichkeiten und Schauplätze in den heutigen Vereinsalltag.

Gestaltung der begleitenden Jubiläumskommunikation

Redaktionelle und gestalterische Übertragung des Jubiläumsauftritts auf weitere Kommunikationsmittel und geplante Maßnahmen des Jubiläumsjahres. Anpassung der Umsetzung an die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie.

Struktur erkennen

Aus Masse wird Erkenntnis.

Der erste Weg führte uns ins Archiv. Analog, fragmentiert, unvollständig. 58 Ausgaben des MSC-Magazins, unzählige Fotografien, Dokumente, Erinnerungsstücke – verteilt über Jahrzehnte, ohne übergeordnete Struktur. Während die ersten gestalterischen Überlegungen mit Blindtext im Trapattoni-Duktus voranschritten, standen wir vor den systemischen Herausforderungen: Sichtung. Digitalisierung. Einordnung. Am Ende dieses Prozesses stand ein Rohkörper aus Daten: 1.865 Seiten digitalisiertes Material, 1.140 kategorisierte Fotografien. Hinzu kam ein gigantisches eigenes Fotoarchiv, das ebenfalls gesichtet und ausgewertet werden musste.

Die Einordnung auf einer Zeitachse erforderte »Geduld und Spucke«. Die digitalisierten Materialien wurden in eine Datenbank überführt und kategorisiert. Per Knopfdruck sortierbar: nach Datum, Art, Person oder Beschreibung. Zusammenhänge wurden sichtbar, Lücken erkennbar, Erzählstränge nahmen Gestalt an. Zunächst brauchten wir eine belastbare Struktur, bevor die eigentliche Chronikgestaltung Fahrt aufnehmen konnte.

Auf dem Leuchttisch
Stimmungen im Fokus

Entlang der Vereinsgeschichte wandern die Bildstimmungen bis in die Gegenwart.

Raster, Redaktion, Rhythmus

Ein System

Das Gestaltungsraster diktierte die visuelle Logik der Chronik. Parallel dazu entwickelten wir die redaktionelle Struktur, die den historischen Verlauf in Präsidenten-Epochen unterteilte. Eine ehrenamtliche Präsidentschaft ist mit erheblichem Aufwand und großer Verantwortung verbunden. Damit wurde zugleich jenen Persönlichkeiten die gebührende Ehre erwiesen, die die Geschichte des Vereins besonders geprägt hatten.

Die Arbeit verlief in alle Richtungen, in einem permanenten Wechselspiel: Griffige Headlines setzten die Anker, Bilder bestimmten die Dramaturgie. Texte präzisierten den Kontext, Bildlegenden ergänzten die Erzählung. Ein Jonglierakt mit Informationen und ständiger Ad-hoc-Recherche: Wer sind die Personen auf den Fotos? Wie heißen sie? In welcher Reihenfolge sind sie abgebildet? Wer könnte es wissen? WhatsApp-Anfrage um Mitternacht? Prompt kam die Antwort. Danke dafür.

Das Buch wuchs in Echtzeit, Seite für Seite, Jahr für Jahr. Jede Entscheidung war schmerzlich und erfreulich zugleich. Eine Reduktion nach Relevanz: Von Tausenden Bildern fand nur ein Bruchteil seinen Weg in die Chronik. Die Erzählung entstand aus dem Bewerten und Auswählen. Und aus der Verantwortung, für diese Entscheidungen geradestehen zu müssen. Recht machen konnte man es ohnehin nicht allen.

Gespielt Mehmet? Gespielt Basler? Oder hat gespielt Trapattoni?

Proportionen, Prinzipien und Raster – wie ein Blindtext die Gestaltungsregeln mitbestimmte und den Satzspiegel humorvoll belebte.

Das Festgewand

Der Verein als Chronik

Lange bevor die Arbeiten an der Chronik begannen, wurde das Konzept des Jubiläumsgewands im Vorstand präsentiert und verabschiedet. Das 100-jährige Bestehen sollte aus jeder Ecke und jeder Pore des Vereins ausatmen. Den Verein in eine visuelle und emotionale Klammer setzen, eine Gestaltung schaffen, auf die man als MSCerin oder MSCer stolz sein konnte.

Die typografischen Eigenheiten des eigens entwickelten Jubiläumslogos prägten konsequent die Gestaltung der Chronik und der begleitenden Kommunikationsmittel. Auch das räumliche Konzept zog sich durch die Vereinsräume: Schwarz-Weiß-Fotografien wurden überdimensional inszeniert und markierten historische Momente der Vereinsgeschichte.

Hockeyvorfahren aus der Gründerzeit schauten majestätisch von der Hockeyhallentribüne dem Nachwuchs zu, ehemalige Tennisgiganten der Nachkriegszeit begleiteten einen in überdimensionaler Größe auf dem Weg zur Tennishalle.

Die monochrome Abbildung des ersten Clubhauses bildete die Kulisse eines Stammtischgesprächs. Gespenstisch wie eine Baracke, doch real wie noch nie. Eine einmalige Gelegenheit, auch ungeliebte Ecken ins Licht zu rücken, sie zu polieren und neu zu erfinden. Der Verein wurde selbst zur Chronik. Sichtbar in den Räumen und präsent im Alltag.

Ein Film von Lea Edelstein
Impressionen im Fluss der Zeit

Aus der Dunkelheit enthüllt: Bewegende Momente stimmungsvoll interpretiert.

Der jähe Stillstand

Ein besonderes Jahr, das keins wurde

Alles deutete auf ein außergewöhnliches Jahr hin. Pünktlich zum Jubiläum stiegen die Tennisdamen in die 1. Bundesliga auf, ein historischer Erfolg. Die Vorbereitungen für die Feier liefen, alle Maßnahmen waren geplant, Bestellungen standen an.

Und dann kam der Bruch. Auf die letzte Weiberfastnachtsfeier folgte der Stillstand. Was danach kam, ist schwer zu beschreiben. Die Corona-Pandemie veränderte alles. Planungen verloren ihre Grundlage, der Glanz verschwand. Lockdown, Inzidenz oder 3G bestimmten plötzlich den Alltag.

Was als kollektive Feier gedacht war, wurde zur Leerstarre. Aus der feierlichen Inszenierung wurden Hygienekonzepte, aus historischen Momenten Schutzmaßnahmen. Die Räume blieben still. Gesperrt. Wenn überhaupt, nur über Einbahnparcours erreichbar. Die Geschichte – vorerst – ohne Bühne.

Der Verein als Chronik

Trotz Lockdown, trotz Pandemie: präsent im Alltag, wehend im Wind.

Das bleibt

Die Feier starb, die Chronik lebt.

Die geplante Feier platzte, die Chronik lebt weiter. 2020 erschienen, erzählt sie auf 360 Seiten ein Jahrhundert Vereinsgeschichte – recherchiert, geordnet und in eine erzählerische Form gebracht. Ein Buch für jede und jeden mit einem MSC-Herz in der Brust.

Die Vorfahren der Gründer- und Nachkriegszeit wachen weiterhin im Raum: Mit ihren überdimensionalen Abbildungen sind sie nicht nur Fragmente einer Inszenierung aus gegebenem Anlass, die nie vollständig stattfinden konnte. Sondern ein Teil der Vergangenheit, der bleibt, auch wenn der Anlass Geschichte ist. Aus der geraubten Jubiläumsfeier wurde Kontinuität. Dauerhaft, leise und präsent im Alltag des Vereins.

1926 /// Auf dem Weg nach vorn

Auf dem Bahnsteig, kurz vor der Abfahrt – die Leichtathletik-Jugend auf der Reise zu nationalen Wettbewerben.

Rückblick

Fragmente verflechten

Dieses Projekt war der Versuch, Vergangenheit zu strukturieren, Gegenwart zu gestalten und Zukunft mitzudenken. Unter Zeitdruck, mit begrenzten Mitteln und unter Bedingungen, die sich grundlegend verschoben haben.

Womöglich liegt seine Qualität in der Konsequenz des Handelns. In der Fähigkeit, aus Fragmenten eine narrative Form zu entwickeln. Mit dem Bewusstsein, dass man nicht allen gerecht werden kann. Mit der Bereitschaft, auch für eigene Fehler Verantwortung zu übernehmen. Und in der Erkenntnis, dass Gestaltung stets ein Umgang mit dem Unplanbaren ist.

Die Erkenntnis

Aus Historie wird Zukunft

Geschichte wird überliefert.

In Dokumenten, Bildern, Erinnerungen und Erzählungen. Was davon erhalten bleibt, ist oft dem Zufall überlassen. Was wir daraus machen, liegt dagegen in unserer Verantwortung.

Eine Chronik verlangt Entscheidungen.

Welche Ereignisse verdienen Aufmerksamkeit? Welche Menschen haben Spuren hinterlassen? Was gehört zur gemeinsamen Identität? Die Antworten entstehen aus Recherche, Einordnung und Bewertung. Jede Auswahl bestimmt zugleich, was unerwähnt bleibt.

Verantwortung braucht Mut.

Wer sich mit Geschichte beschäftigt, begegnet zwangsläufig unterschiedlichen Erinnerungen, Sichtweisen und Interessen. Manchmal auch unbequemen Erkenntnissen. Das eigene Handeln immer wieder infrage zu stellen, gehört für mich zum respektvollen Umgang mit historischen Zeugnissen. Dazu braucht es Verantwortung, gelegentlich auch Mut. Und die Bereitschaft, für eigene Entscheidungen geradezustehen.

Gestalte für die Zukunft.

Die 360 Seiten der Chronik waren das Ergebnis einer umfangreichen Recherche und zahlloser Entscheidungen. Ihre gestalterische Form entstand im Zusammenspiel von Redaktion, Bildern, Typografie und der Auseinandersetzung mit einem Jahrhundert Vereinsgeschichte. Die historischen Inszenierungen in den Clubräumen führten diese Arbeit über das Buch hinaus.

Jede Gegenwart hat ihre Vergangenheit.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Eine Chronik ist immer auch ein Zeitzeugnis ihres Chronisten. Sie erzählt von der Vergangenheit, betrachtet aus der Gegenwart, für Menschen, die sich eines Tages ihre eigenen Fragen stellen werden.

»

Verba volant, scripta manent!«

Licht und Schatten

Das Licht der sportlich idealisierten Helden wirft lange Schatten in die Vergangenheit: auch hier galt es, sie gestalterisch zu verarbeiten.

Nachtrag

Zwischen Faszination und Ernüchterung

Die Grenze der Erzählung

Auf den Pfaden der Vereinsvergangenheit und im Versuch, die Gründerzeiten zu rekonstruieren, wurde ich auch mit einer bitteren Erkenntnis konfrontiert, die ich seit meiner Einreise als israelischer Staatsbürger in dieses Land lange verzweifelt versucht habe, zur Seite zu schieben.

Insbesondere die Zeitlücke zwischen 1937 und 1945, die auf der Zeitachse der Vereinshistorie entstand, brachte mir erneut ins Bewusstsein, dass die ehemaligen Athleten, Turner und Fußballer, deren sportliche Leistungen ich zu idealisieren versuchte und deren Heldentaten ausgerechnet ich recherchierte, allesamt an der Front marschierten, und womöglich meine Vorfahren in Konzentrationslager verschleppten.

Ein Wechselbad der Gefühle

Die dunkle Lücke

Die Faszination für den Sport in seinen Anfängen wich der Ernüchterung. Es war uns unmöglich, die Spuren aller MSCer bis in die dunkle Zeit des Krieges zurückzuverfolgen. Und auch nicht unsere Aufgabe. Eigentlich. Doch wie aus dem Nichts tauchte der Name »Detlef Okrent« auf. Als MSC-Hockey-Cheftrainer der Nachkriegszeit war er bislang heldenhaft dargestellt worden. Aus gesicherten Quellen war bekannt, dass er während der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der NSDAP, der SS und der Waffen-SS gewesen war und kraft seines Amtes grausame Entscheidungen zu verantworten hatte.

Die Frage, inwiefern solche Schicksale in einer 100-jährigen Chronik eines Vereins aufgearbeitet werden sollen und müssen, wurde bis in die obersten Gremien der Vereinsführung getragen und sorgte für polarisierende Äußerungen.

Doch damit wurde auch klar: Trotz großer sportlicher Erfolge trug der Verein, wie viele andere in diesem Land, einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit. Eine Leerstelle, die ich in der Chronik bewusst mit einer schwarzen Seite markiert habe.

Unser Club blickt auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Dass diese Geschichte sichtbar wurde, haben wir auch Ronny Edelstein zu verdanken. Die nicht triviale Aufgabe landete fast automatisch bei ihm, denn wir waren seit vielen Jahren gewohnt, Kommunikations- und Marketingaufgaben in seine Hände zu legen. In eigener Regie hat er sich für eine starke Vereinsidentität eingesetzt und deren Entwicklung unermüdlich vorangetrieben. Kommunikation, Sponsoring, Webseite, Newsletter, Chronik, Magazine: Es ist bemerkenswert, wie er all das in einer einzigen MSC-Welt zusammengeführt hat.
Prof. Dr. Andreas Müller-WiedenhornEhem. 1. Vorsitzender (2011 - 2022), Marienburger Sport-Club 1920 e. V., Köln
Kontakt

Was ist Ihnen Ihre Geschichte wert?

Welche Ereignisse, Bilder und Spuren sollen bewahrt, eingeordnet und neu erzählt werden? Im Dialog finden wir heraus, wie daraus eine verdichtete Erzählung entstehen kann. Gemeinsam entwickeln wir einen gestalterischen Rahmen, der Vergangenheit in der Gegenwart erlebbar macht: redaktionell, visuell und räumlich. Reden wir darüber.

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