Aus dem Archiv befreit






Monatelang forschte ich gemeinsam mit Tillmann Becker-Wahl im Vereinsarchiv des MSC. Hier begann die Arbeit an der Chronik: die Rekonstruktion der Clubgeschichte – von den Anfängen als Fußball- und Leichtathletikverein über die Erfolge der 1920er-Jahre bis zu den Umbrüchen, die den Verein prägten.
Historische Elemente aus dieser verdichteten Erzählung bestimmten den gestalterischen Rahmen des Jubiläums und sollten das feierliche Ambiente im MSC prägen. Eigentlich.
Editorial & Communication Design:
Recherche · Text · Redaktion · Gestaltungskonzept · Design · Realisierung
Jubiläumsauftritt:
Logoentwicklung · Visuelles Konzept · Räumliche Inszenierung
100 Jahre Vereinsgeschichte auf 360 Seiten – in Bildern, Grafiken und Texten entlang der Zeitachse verdichtet.
Ein Jubiläum ist kein Ereignis.
Ein Moment, in dem Vergangenheit sichtbar wird, Gegenwart sich vergewissert – und Zukunft plötzlich eine andere Schärfe bekommt. Genau in diesem Spannungsfeld bewegte sich die Arbeit an der 100-jährigen Geschichte des MSC.
Der Anfang: Zahlen ohne Maßstab
Wie so oft begann alles nicht mit Gestaltung, sondern mit Verhandlungen. Mit Zahlen. Mit Unsicherheit. Im Alltag eines Amateursportvereins existiert selten ein belastbares Verständnis für Marketing- oder Kommunikationsbudgets. Die Dimension einer 100-jährigen Vereinschronik ließ sich kaum greifen. Jeder Versuch, den tatsächlichen Aufwand zu beziffern, wirkte zunächst überzogen – fast absurd.
Zeit verging. Diskussionen wiederholten sich. Entscheidungen wurden vertagt. Als schließlich ein Budget verabschiedet wurde, war das eigentliche Projekt längst unter Zeitdruck geraten. Was blieb, waren wenige Monate für eine Aufgabe, die eigentlich Jahre verdient hätte.
Ein klassischer Zielkonflikt – und gleichzeitig der Moment, in dem Gestaltung Haltung zeigen muss.
Typografie, Rhythmus und Komposition: zu einem kohärenten Narrativ gefügt.
Vom Archiv zur Erzählung
Die Arbeit begann im Archiv. Analog, fragmentiert, unvollständig. 58 Ausgaben des MSC-Magazins, unzählige Fotografien, Dokumente, Erinnerungsstücke – verteilt über Jahrzehnte, ohne übergeordnete Struktur. Der erste Schritt war daher kein gestalterischer, sondern ein systemischer: Sichtung. Digitalisierung. Einordnung. Am Ende dieses Prozesses stand kein Buch, sondern ein Rohkörper aus Daten: 1.865 Seiten digitalisiertes Material, 1.140 kategorisierte Fotografien.
Erst durch die Fixierung auf einer Zeitachse begann aus dieser Masse Bedeutung zu entstehen. Zusammenhänge wurden sichtbar, Lücken erkennbar, Erzählstränge formbar. Gestaltung beginnt hier nicht mit Form, sondern mit Struktur.
Entlang der Vereinsgeschichte wandern die Bildstimmungen bis in die Gegenwart.
Raster, Redaktion, Rhythmus
Ein klares Gestaltungsraster definierte die visuelle Logik der Chronik. Parallel dazu entstand eine redaktionelle Struktur, die den historischen Verlauf nicht nur abbildete, sondern lesbar machte: Epochen, Brüche, Entwicklungen.
Die eigentliche Arbeit verlief nicht linear, sondern in einem permanenten Wechselspiel: Bilder bestimmten die Dramaturgie, Texte präzisierten den Kontext. Headlines setzten Akzente, Bildlegenden verdichteten Information.
In Echtzeit wuchs das Buch – Seite für Seite, Jahr für Jahr. Dabei war jede Entscheidung auch eine Reduktion: Von über tausend Bildern fand nur ein Bruchteil seinen Weg in die Chronik. Nicht aus Mangel an Material, sondern aus dem Anspruch, Relevanz sichtbar zu machen. Gestaltung heißt hier: auswählen, gewichten, erzählen.
Proportionen, Prinzipien und Raster – wie ein Blindtext die Gestaltungsregeln mitbestimmte und den Satzspiegel humorvoll belebte.
Der Verein als Chronik
Während die Chronik entstand, entwickelte sich parallel die Idee des Jubiläumsjahres. Ein 100-jähriges Bestehen sollte nicht nur dokumentiert, sondern erlebbar gemacht werden. Ziel war es, den Verein in eine visuelle und emotionale Klammer zu setzen – eine Gestaltung, die Geschichte nicht nur zeigt, sondern in den Alltag des Clubs integriert.
Ausgangspunkt war ein eigens entwickeltes Jubiläumslogo, dessen typografische Eigenheiten sowohl die Kommunikationsmittel als auch die Chronik prägten. Darauf aufbauend entstand ein räumliches Konzept: Historische Fotografien wurden großformatig inszeniert und in den Vereinsräumen verortet. Wege wurden zu Erzählsträngen, Orte zu Trägern von Erinnerung.
So wurde der Verein selbst zur Chronik. Nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als erfahrbare Geschichte – sichtbar in den Räumen, präsent im Alltag, und immer in Bewegung.
Aus der Dunkelheit enthüllt: Bewegende Momente stimmungsvoll interpretiert.
Ein Jahr, das keines wurde
Alles deutete auf ein außergewöhnliches Jahr hin. Pünktlich zum Jubiläum stiegen die Tennisdamen in die 1. Bundesliga auf, ein historischer Erfolg. Die Vorbereitungen liefen, die Maßnahmen standen, die Räume waren gedacht.
Dann kam der Bruch. Die Corona-Pandemie veränderte alles. Planung verlor ihre Grundlage, Öffentlichkeit verschwand. Begriffe wie Lockdown, Inzidenz oder 3G bestimmten plötzlich den Alltag.
Was als kollektive Feier gedacht war, wurde zur Leerstelle. Die Inszenierung blieb fragmentarisch, die Räume still. Die Geschichte – vorerst – ohne Bühne.
Trotz Lockdown, trotz Pandemie: sichtbar in den Räumen, präsent im Alltag und immer in Bewegung.
Was bleibt
Als die geplante Feier ausblieb, blieb die Chronik. 2020 erschienen, verdichtet sie auf über 320 Seiten ein Jahrhundert Vereinsgeschichte – recherchiert, geordnet und in Form gebracht. Ein Buch, das unabhängig vom Ereignis Bestand hat.
Was darüber hinaus blieb, sind Spuren im Raum: großformatige Bilder, die den Verein weiterhin begleiten, Fragmente einer Inszenierung, die nie vollständig stattfinden konnte. Elemente, die bleiben, auch wenn der Anlass vergangen ist.
So wurde aus einem unterbrochenen Jubiläum eine andere Form von Kontinuität. Nicht laut, nicht inszeniert – sondern leise, dauerhaft und sichtbar im Alltag des Vereins.
Auf dem Bahnsteig, kurz vor der Abfahrt – die Leichtathletik-Jugend auf der Reise zu nationalen Wettbewerben.
Rückblick
Dieses Projekt war mehr als eine Publikation. Es war der Versuch, Vergangenheit zu strukturieren, Gegenwart zu gestalten und Zukunft mitzudenken – unter Zeitdruck, mit begrenzten Mitteln und unter Bedingungen, die sich grundlegend verschoben haben.
Vielleicht liegt genau darin seine Qualität: nicht in der Perfektion der Umsetzung, sondern in der Konsequenz des Denkens. In der Fähigkeit, aus Fragmenten eine tragfähige Form zu entwickeln. Und in der Erkenntnis, dass Gestaltung immer auch den Umgang mit dem Unplanbaren bedeutet.
Das Licht der sportlich idealisierten Helden wirft lange Schatten in die Vergangenheit: auch hier galt es, sie gestalterisch zu verarbeiten.
Zwischen Faszination und Ernüchterung
Auf den Pfaden der Vereinsvergangenheit und im Versuch, die Gründerzeiten zu rekonstruieren, wurde ich auch mit einer bitteren Erkenntnis konfrontiert, die ich seit meiner Einreise als israelischer Staatsbürger in dieses Land lange verzweifelt versucht habe, zur Seite zu schieben.
Insbesondere die Zeitlücke zwischen 1937 und 1945, die auf der Zeitachse der Vereinshistorie entstand, brachte mir erneut ins Bewusstsein, dass die ehemaligen Athleten, Turner und Fußballer, deren sportliche Leistungen ich zu idealisieren versuchte und deren Heldentaten ausgerechnet ich recherchierte, allesamt an der Front marschierten, und womöglich meine Vorfahren in Konzentrationslager verschleppten.
Ein Wechselbad der Gefühle
Die Faszination für den Sport in seinen Anfängen wich der Ernüchterung, als der Name »Detlef Okrent« fiel, von dem aus gesicherten Quellen bekannt war, dass er während der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der NSDAP, der SS und der Waffen-SS gewesen war und kraft seines Amtes grausame Entscheidungen zu verantworten hatte.
Die Frage, inwiefern solche Schicksale in einer 100-jährigen Chronik eines Vereins aufgearbeitet werden sollen, wurde bis in die obersten Gremien der Vereinsführung getragen und sorgte für polarisierende Äußerungen.
Doch damit wurde auch klar: Trotz großer sportlicher Erfolge trug der Verein, wie viele in diesem Land, einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit. Eine Leerstelle, die ich in der Chronik bewusst mit einer schwarzen Seite markiert habe.




















































