Nach mir die Sintflut?
Wir digitalisieren Dokumente, archivieren Fotografien, erfassen Ereignisse in Datenbanken und schaffen damit die Voraussetzungen, historische Informationen möglichst langfristig zugänglich zu halten. Vorausgesetzt, es gelingt uns, eine permanente Stromversorgung sicherzustellen. Und wenn es schließlich darum geht, eine Geschichte zusammenzufassen, verspüren wir plötzlich das Bedürfnis, etwas Greifbares daraus zu machen. Ein Buch. Etwas, das man anfassen kann. Vielleicht sogar mit Selfie, als Beweismittel quasi.
Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Beständigkeit in einer Welt, in der Informationen immer schneller entstehen und verschwinden. Vielleicht aber auch nur die Angst vor dem Verlust. Vor dem Softwarefehler, dem nächsten Systemwechsel oder einer Zukunft, in der unsere sorgfältig gesicherten Daten plötzlich nicht mehr lesbar sind.
Ist Papier dagegen unsterblich? Auch Bücher verfallen, verbrennen oder verschwinden. Und dennoch vertrauen wir ihnen etwas an, das uns offenbar wichtig genug erscheint, um es dauerhaft festzuhalten. Um es zu Papier zu bringen.






Hat die Chronik ausgedient?
Für die hundertjährige Geschichte des Marienburger Sport-Clubs haben Tillmann Becker-Wahl und ich monatelang recherchiert, sortiert und geschrieben. Herauskommen sollte ein Buch. Warum eigentlich?
Für jede Information, jedes Bild und jede Geschichte habe ich Seite für Seite gekämpft. 360 Seiten standen am Ende zur Verfügung. Das ist nicht wenig, aber niemals genug. Das Budget ist begrenzt. Verhandelbar, doch selten ausreichend. Jede zusätzliche Seite verlangt nach einer Entscheidung, die nicht nur redaktionell oder gestalterisch begründet werden kann. Zeit kostet Geld. Papier aber auch. Und jede Schlacht, die ich um eine weitere Seite führte, hatte nur einen Grund: Es sollte ein Buch sein. 129,88 Gigabyte Material für 4.345 Objekte. Am Ende 1.920 Gramm.
Für denselben Zweck könnte eine digitale Dokumentation durchaus genügen. Man könnte die Geschichte in einem virtuellen Museum inszenieren, historische Dokumente zugänglich machen, Zusammenhänge interaktiv erfahrbar gestalten und damit möglicherweise eine viel breitere Öffentlichkeit erreichen.
Doch welche Bedeutung behalten dann Museen? Brauchen wir noch kostspielige Ausstellungsräume, wenn wir historische Sammlungen jederzeit preiswert auf einem Bildschirm betrachten können? Schließlich entscheidet nicht allein das Medium darüber, was eine Ausstellung ausmacht.
Die Auswahl und Priorisierung historischer Befunde ist immer auch ein Akt der Kuratierung. Ein Dialog mit der eigenen Identität. Was uns wichtig ist, was wir von uns erzählen wollen. Was wir bewahren möchten und was am liebsten vergessen würden.
Ob dafür 360 Buchseiten oder 360 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen, ist zunächst eine Frage der Möglichkeiten. Die Form beeinflusst, wie viel Raum wir einer Geschichte geben können, wie wir sie erzählen und wie sie wahrgenommen wird. Das Ergebnis bleibt eine Interpretation. Eine von vielen möglichen.
Was bleibt, was ist erlaubt?
Was wollen wir überhaupt festhalten? Ist uns klar, dass unsere heutigen Nachrichten, Fotografien, Berichte und beiläufigen Beobachtungen irgendwann selbst zu historischen Quellen werden?
Der Blick wendet sich: Ausschnitte von Militärstiefeln, verpixelte Gesichter, bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Bilder prägen die journalistische Berichterstattung. Persönlichkeitsrechte, Datenschutz, rechtliche Vorsicht. Während Menschen in den sozialen Medien um Aufmerksamkeit ringen, wird ihre Identität andernorts sorgfältig verborgen. Sichtbar und doch nicht zu erkennen. Anonymitätsspuren als Zeitzeichen.
Als ich die jährlichen Clubmagazine redaktionell betreute, habe ich mich immer auch der nächsten Chronistin oder dem nächsten Chronisten verpflichtet gefühlt. Nicht jede Nachricht musste von großer Bedeutung sein. Nicht jede Geschichte war spektakulär. Aber wer weiß schon heute, welche davon in fünfzig Jahren eine ganz andere Bedeutung bekommen wird? Archivarbeit in Miniatur.
Wie wir unsere Vergangenheit bewahren, entscheidet auch darüber, was wir heute für die Zukunft hinterlassen. Spurlos mitten im Rampenlicht.
Fünfzig Jahre. Hundert Jahre. Eine runde Zahl, ein willkommener Anlass, ein Budget. Ein Geburtstag. Ein besonderes Geschenk. Plötzlich wird die eigene Geschichte wichtig genug, um ihr Aufmerksamkeit, Zeit und Geld zu widmen.
Brauchen wir wirklich einen besonderen Anlass, um uns mit unserer Vergangenheit abzurechnen?
Vereinschronik & Jubiläum
Die Jubiläumschronik wurde zum sichtbaren Gedächtnis des Vereins: ein 360 Seiten starkes Werk, das Geschichte als identitätsstiftende Tradition erfahrbar macht. Konzeption, Redaktion und Gestaltung verbanden sich mit dem Jubiläumsauftritt, vom 100-Jahre-Logo bis zur gestalterischen Inszenierung des Vereinsraums als Ausdruck einer Geschichte, die seit über einem Jahrhundert weitergeschrieben wird.