Wer entscheidet, was bleibt?

Was heute im Nachrichtenstrom verschwindet, kann morgen eine historische Quelle sein. Doch wer entscheidet, was davon überliefert wird? Bei der Arbeit an einer hundertjährigen Vereinschronik war ich plötzlich selbst derjenige, der auswählen, bewerten und aussortieren durfte. Eine ziemlich anmaßende Aufgabe, wenn man genauer darüber nachdenkt.

»Verba volant, scripta manent!«

»Worte verfliegen, Geschriebenes bleibt!« soll Aristoteles behauptet haben. Das ist aber lange her. Die Worte haben überlebt. Hat er das wirklich geschrieben?

Die Kakophonie an Themen, die im Scrollmechanismus meiner sozialen Medien an mir vorbeizieht, bewirkt bei mir meistens nur eines: Weiterscrollen. Uninteressant, uninteressant. Schau an, schau an. Eine Botschaft von jemandem, den ich kenne. Den kenne ich! Hm … wirklich etwas, das mich interessiert?

So fängt mein Alltag an. Informationen ziehen an mir vorbei, die mir immer wieder vor Augen führen, dass Menschen offenbar Wertvolles zu berichten haben. So wie ich. Wertvolles und Brauchbares. Für diejenigen, die es brauchen. Für andere vielleicht vollkommen belanglos. Und morgen ist es womöglich schon vergessen.

Noch einmal schlafen. Und morgen wird ausgerechnet dieser heutige Tag Vergangenheit sein. Verewigt auf irgendeiner Festplatte, im Lüftergeflüster, das diese Informationen am Leben hält. Daten werden gesichert, Backups sichern Backups. Ob es den Strom dazu ewig geben wird?

Aktuelles Geschehen personifiziert sich zunehmend, während die Zeitungsauflagen sinken. Werden heute noch Zeitungen gelesen? Nachrichten angeschaut? Am Kiosk stapeln sich Publikationen aller Art. Mehrfach. Mehrsprachig. Was bewegt die neuen Generationen, die in einem Bilderozean groß werden und nun darin schwimmen müssen? Mode? Lifestyle? Politik? Ihre Zukunft liegt vor ihnen, diesen Horizont müssen sie finden. Dafür bekommen sie, fein abgestimmt auf ihre persönlichen Vorlieben, wertvolle Tipps im ewig rasenden Nachrichtenfluss. Von Freunden und Kollegen, Influencern und Celebrities, mit KI-Zeug garniert. Wahrheit garantiert. Was wichtig ist und was nicht, entscheidet jeder für sich. Und damit auch das Informationsangebot im Stream der eigenen digitalen Welt.

Wir schreiben das Jahr 2126: Brauchen wir in hundert Jahren überhaupt noch eine Chronik? Wird es dann noch notwendig sein, einzelne Ereignisse aus einer unermesslichen Datensammlung herauszufiltern und als besonders wertvoll zu deklarieren? Oder erledigt diese Aufgabe eine intelligente Suche, die unseren Nachkommen ihre Geschichte nach individuellen Präferenzen zusammenstellt? Jeder bekommt seine eigene Vergangenheit serviert, passend zu seinen Interessen, seinen Wertvorstellungen, seinem Selbstbild.

Wollen wir das? Wollen sie das?

Wer schreibt, der bleibt

Noch leben wir in einer Zeit, in der große Teile der Vergangenheit im Dunkeln liegen. Verstreut über unzählige Dokumente, Abbildungen und Schriftstücke. Versteckt in Schubladen, Ordnern und Büchern. In Archiven, Museen und Bibliotheken. Manches sorgfältig aufbewahrt, anderes zufällig übrig geblieben. Vieles unwiederbringlich verloren.

All das muss heute erst entdeckt und erschlossen werden. Gesichtet, sortiert, bewertet und in Zusammenhänge gebracht. Damit sind wir auch den Chronisten ausgeliefert, die für uns entscheiden, was von unserer Vergangenheit erwähnenswert ist. Wir akzeptieren das als unsere Geschichte, was andere für überlieferungswürdig befunden haben. Müssen wir das?

Hundert Jahre: Ein Jahrhundert voller Ereignisse, die Menschen miteinander verbinden und aus denen eine gemeinsame Identität entstehen kann. Schriftfetzen, Zeitungsartikel, Verträge, Fotografien und Erinnerungen. Zeitzeugnisse einer vergangenen Welt. Beweise aus der Vergangenheit, um ein Anrecht auf die Gegenwart durchzusetzen. Warum werden sie sonst aufbewahrt? Warum ist uns Geschichte überhaupt so wichtig?

Das Verdikt: Daumen hoch oder herunter.

Ein Archivar sammelt, bewertet und kategorisiert. Auch er trifft Entscheidungen darüber, was bewahrt wird. Der Chronist macht aus den überlieferten Zeugnissen eine Erzählung.

Als ich die hundertjährige Geschichte des Marienburger Sport-Clubs für eine Chronik aufbereitete, habe ich monatelang Archive durchforstet. Jedes noch so unwichtig erscheinende Dokument wurde von links nach rechts gedreht, untersucht, eingeordnet, nach Möglichkeit datiert und digitalisiert.

Datensatz für Datensatz flossen die Informationen in eine Datenbank. Per Knopfdruck nach Datum, Themen, Personen oder beliebigen anderen Kriterien sortierbar. Eine Sammlung von Ereignissen, Geschichten und Erinnerungen, die zunächst einmal nichts anderes gemeinsam hatten als ihre Zugehörigkeit zu einer hundertjährigen Vereinsgeschichte.

1.865 Seiten historisches Material wurden zusammengetragen, 1.140 Fotografien digitalisiert und kategorisiert. Hinzu kam eine beachtliche Sammlung eigener Bilder, die nun darauf warteten, ebenfalls eingeordnet zu werden. Nur ein Bruchteil davon schaffte es schließlich in die gedruckte Chronik. Was davon war wichtig? Was durfte nicht fehlen? Was war lediglich eine Randnotiz? Welche Geschichte erzählte man ausführlich, welche nur beiläufig? Und welche überhaupt nicht?

Daumen hoch oder herunter. Die nächste Entscheidungsrunde. Jede weitere Eingrenzung entscheidet über das Schicksal eines Zeitzeugnisses. Über seine Sichtbarkeit, vielleicht sogar über seine Bedeutung für die Nachwelt.

Was nach einer Anmaßung klingt, gibt mir qua Aufgabe das Recht, darüber zu entscheiden. Es gehört zur redaktionellen Arbeit, Material zu gewichten, Zusammenhänge herzustellen und Entscheidungen zu treffen. Jede Auswahl verändert das Bild, das wir uns von der Vergangenheit machen. Wie objektiv kann Geschichtsschreibung dann noch sein?

Das eigene Handeln immer wieder infrage zu stellen, ist deshalb für mich kein Ausdruck von Verzweiflung oder Unsicherheit. Es gehört zu einem verantwortungsvollen und respektvollen Umgang mit Zeitzeugnissen. Dazu braucht es auch Mut. Den Mut, unbequeme Erkenntnisse zuzulassen, die eigenen Entscheidungen kritisch zu betrachten und sich der Grenzen der eigenen Interpretation bewusst zu bleiben.

Ist eine Chronik nicht auch ein Zeitzeugnis ihres Chronisten?

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